Sind MINT-Fächer die Zukunft?

30.10.2019

Laut einer Studie sind die Studierenden von MINT-Fächern sich ihrer Kompetenzen sehr früh bewusst und wissen meist schon wo, wie und wann sie arbeiten wollen (Online-Artikel). Sie sind zielstrebig, wissen was sie draufhaben und sind derzeit am Arbeitsmarkt sehr gefragt. Die Studierenden-Gruppe sucht sich bereits zu Beginn den perfekten Arbeitgeber und weiß, dass sie die Wahl haben, denn die Arbeitgeber „brauchen“ sie. Doch wie sieht es in unserer Region aus?

Wir haben einen Experten befragt, der sich mit den Studierenden sowie mittelhessischen Unternehmen auseinandersetzt und haben interessante Informationen erhalten. Prof. Dr. Martin Przewloka kennt sich mit Studierenden aus. Ob Naturwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler oder die reinen Geisteswissenschaftler- er lehrt alle. Durch seine Lehrtätigkeit als Professor an der Phillipps-Universität Marburg, der Justus-Liebig-Universität Gießen oder der Technischen Hochschule Mittelhessen hat Prof. Przewloka Erkenntnisse über Studierenden an einer Universität und an einer Hochschule gewinnen können. In einem Interview hat er seine Erkenntnisse mit uns geteilt und uns über das Verhalten der MINT-Studierenden in Mittelhessen aufgeklärt.

Herr Przewloka kann der zuvor genannte Trend in unserer Region verzeichnet werden?

Dem Trend, dass die MINT-Studierenden wissen was sie wollen, kann ich zustimmen. Die genannte Studierenden-Gruppe hat klare Vorstellungen ihrer Zukunft und eine Tendenz, welchen Job sie später ausüben möchte. Sie sind sich bereits zu Beginn bewusst, ob sie in die Forschung gehen oder lieber Programmieren wollen.

Verneinen würde ich die Aussage, dass die MINT-Studierenden selbstsicher sind und sich ihrem Können sehr bewusst sind. Sie arbeiten für ihre Zukunft und behaupten nicht, die Besten zu sein. Die MINT-Studierenden sind nicht überheblich und durchlaufen einen Bewerbungsprozess genauso wie ein Studierender einer anderen Fachrichtung. Es gibt vereinzelt Unterschiede innerhalb der MINT-Fächer. Ein Informatiker ist selbstbewusster, wenn er weiß was er kann, als ein klassischer Naturwissenschaftler.

Den Trend, dass die MINT-Studierenden sich auf einen Arbeitgeber frühzeitig fixieren, würde ich ebenfalls nicht zustimmen. Keiner der Studierenden legt sich im Voraus fest. Sie sehen sich nach Angeboten um und wählen das lukrativste. Hierbei kann ich nur feststellen, dass die lokalen Angebote wenig wahrgenommen werden. Mittelhessen als potenzielle Arbeitgeber-Region ist zwar aus meiner Sicht lukrativ und gut, jedoch sind es zu wenig Angebote. Außerdem ist die Wahrnehmung der Angebote bei MINT-Studierenden sehr gering. MINT-Studierende schauen sich meist national um.

Ist eine klare Differenzierung zwischen MINT-Student*innen und Student*innen anderer Studiengänge zu erkennen?

Eine Differenzierung ist zu erkennen. Gerade weil ich in den verschiedenen Bereichen tätig bin, sehe ich die Unterschiede. Wirtschaftswissenschaftler können teilweise ihre Zukunft beschreiben und machen eine Spezifizierung in z.B. Management, Marketing, Rechnungswesen etc. Jedoch ist die Beschreibung ihrer Vorstellungen nicht so konkret wie die eines MINT-Studierenden. Vermehrt ist bei den MINT-Studierenden zu erkennen, dass die Erwartungshaltung und der spätere Job einhergehen und bewusst gewählt werden.Des Weiteren ist ein Unterschied in der Verortung des Berufs zu erkennen. Wirtschaftswissenschaftler sind sich viel mehr bewusst, was Mittelhessen zu bieten hat als MINT-Studierende. Außerdem sind MINT-Studierende offener bezüglich der Lokation. Diese schauen sich wie bereits erwähnt nicht lokal um, sondern eher weiter weg. Dies kann auch daran liegen, dass es andere Lokationen gibt, die mehr für MINT-Studierende zu bieten haben als Mittelhessen. Also die Wahrnehmung der Studierenden ist, dass es zu wenig Angebote in Mittelhessen gibt.

Aber es muss gesagt werden, dass es eine Wahrnehmung ist. Man kann dieser Wahrnehmung entgegentreten und definitiv diese ändern.

Wissen Sie, ob die Studierenden der MINT-Fächer auch dazu tendieren früh arbeiten zu gehen? Oder liegt der Fokus erstmal auf dem Studium und der Arbeitssuche?

Hier lässt sich ein Trend erkennen. Während des Studiums gehen viele MINT-Studierende arbeiten. Obwohl man hierbei klar differenzieren muss. Wenn es sich um reine Naturwissenschaftler handelt, zeigt sich, dass diese durch die Anforderungen des Studiums wenig Zeit für eine Nebentätigkeit haben. Das Mathematik Studium z.B. verlangt sehr viel von den Studierenden, sodass diese meist mit einem Minijob überfordert sein würden. Wohingegen Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker gerne einen Nebenjob ausüben.

Im Allgemeinen ist zu verzeichnen, dass wenn eine Nebentätigkeit ausgeübt wird, dies meist nicht wegen des Geldes gemacht wird, sondern vielmehr der Erfahrung wegen. Die MINT-Studierenden wollen während ihres Studiums die gewonnenen Kenntnisse festigen und diese durch einen Nebenjob praktisch ausüben.

Der Großteil der Masterstudierenden, also ca. 80-90%, arbeiten neben ihrem Studium. Anders wie bei den Bachelorstudium sind diese sich bereits sicher in welche Richtung sie gehen wollen und sammeln durch ihre Arbeit praktische Erfahrung und bauen ihr Können aus. Die Bachelorstudierenden sind zunächst auf den Einstieg in das Studium konzentriert und suchen sich dann eine Arbeitsstelle. Außerdem befinden diese sich in der Findungsphase und erkennen erst während des Studiums, ob der Studiengang der richtige für sie ist oder nicht.

Würden Sie sagen, dass ein Abschluss in einem MINT-Fach wirklich dazu führt, dass der Absolvent*in sich den Arbeitgeber aussuchen kann?

In der heutigen Zeit würde ich sagen, dass bei guten bis sehr guten Noten und einen einwandfreien Bewerbungsablauf, vielen Bewerber*innen nichts mehr im Weg steht. Die Nachfrage ist sehr hoch und gerade im MINT-Bereich haben Absolvent*innen viele berufliche Möglichkeiten. Außerdem sind praxisbezogene Studiengänge für Unternehmen sehr interessant und die Absolvent*innen dieser werden gerne eingestellt.

Sind Sie der Meinung, dass mittelhessische Unternehmen dem Trend nachgehen können und den MINT-Studierenden genug bieten? Hat die Region Potenzial?

Ich bin ein „Fan“ der Region Mittelhessen und bin selbst nach langer Zeit wieder zurückgekehrt. Ich bin sozusagen „freiberuflich“ in Mittelhessen unterwegs und sehe sehr viel Potenzial. Leider sind die Angebote zu wenig sichtbar für die Zielgruppe. Diese dringen nicht durch.

Es gibt großartige Unternehmen und ich habe bereits einige meiner Absovent*innen mit mittelhessischen Unternehmen zusammengebracht. Die Zusammenarbeit der Absolvent*innen und der Unternehmen lief immer gut und jeder der eine Tätigkeit in Mittelhessen durch meine Vermittlung ausgeübt hat, war positiv überrascht und empfiehlt die Region weiter. Meist hörte ich den Satz: „Ich hätte nie gedacht, dass die Region so viel zu bieten hat.“

Das Potenzial ist also da, aber wird leider viel zu wenig etabliert und nach außen getragen. Meine Vermittlungen ergaben immer eine positive Resonanz, doch ohne Kontakte werden Absolvent*innen wenig auf die Angebote Mittelhessens aufmerksam.

Abschließend wollen wir gerne wissen, gerade weil sie in beiden Bereichen tätig sind, was der Unterschied zwischen einer Universität und einer Hochschule ist?

Das ist schnell und einfach erläutert. Die Hochschulen sind meist sehr praxisbezogen und werden von Unternehmen favorisiert. Die Universität hingegen ist sehr theoretisch, detailliert und formal. Sie bieten jemanden, der eine Promotion machen möchte, viel und ich persönlich würde eine Universität für solch einen Werdegang präferieren. Vermehrt wird an einer Universität abgebrochen und Studierende entscheiden sich auf eine Hochschule zu gehen, weil sie merken, dass ihnen die Praxis fehlt. Oftmals wird ein Bachelorstudium auf einer Hochschule absolviert und das Masterstudium an einer Universität. Eine der Kombinationen wäre z.B. Wirtschaftsinformatik als Bachelorstudium und Wirtschaft als Masterstudium.

Meiner Meinung nach sind beide Angebote gut und es liegt an dem Studierenden selbst herauszufinden was für ein „Studi-Typ“ er oder sie ist. Denn daran kann man feststellen, ob jemand sich in einem praxisbezogenen Studium wohlfühlt und zurechtkommt oder eher ein Theorie-Studium bevorzugt.

Viele großartige Informationen und Einblicke, die wir erhalten haben. Wir bedanken uns bei Ihnen Professor Przewloka für die ausführlichen Antworten und das sie uns über die aktuelle Situation in Mittelhessen aufgeklärt haben. Es war ein lehrreiches Interview und mal sehen was wir in Zukunft gemeinsam für unsere Region schaffen können. Dankeschön.





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