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Schon als kleines Kind bin ich mit einem Stethoskop rumgelaufen und habe meine Teddybären geheilt

Schon als kleines Kind bin ich mit einem Stethoskop rumgelaufen und habe meine Teddybären geheilt

Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Marketagent im Auftrag des Netzwerkes Xing zeigt, dass der Traumjob der Deutschen Arzt/ Ärztin ist. Diesen Beruf wünschen sich der Umfrage zufolge auch Eltern am häufigsten für ihre Kinder. Wir haben mit einer Assistenzärztin gesprochen und wollten alles von ihr wissen. Was macht den Beruf als Ärztin so spannend? Ist das Medizinstudium wirklich so anstrengend? Und welche Tipps hast Du für angehende Mediziner*innen, um das Studium erfolgreich abzuschließen?

Sabina arbeitet als Assistenzärztin in einem Krankenhaus in Gießen. Nach ihrem Studium hat sie sich dazu entschieden, auf der gynäkologischen Station anzufangen. Seitdem ist sie jeden Tag ganz nah am Leben dran – im Kreißsaal bei der Geburt von Babys. Welche spannenden Aufgaben ihren Job so besonders machen, verrät sie uns im Interview:

War es schon immer Dein Traum, Ärztin zu werden oder hattest Du auch andere Berufswünsche?

Nein, tatsächlich war es immer schon mein Traumjob, Ärztin zu werden. Schon als kleines Kind bin ich mit einem Stethoskop rumgelaufen und hatte ein Spielzeugset mit einem Erste-Hilfe Kasten. Ich habe immer so getan, als würde ich meine Teddybären heilen. Also es war auf jeden Fall schon immer mein Traum, Ärztin zu werden und ich hatte nie einen anderen Berufswunsch.

Warum hast Du dich dazu entschieden, Medizin zu studieren und Ärztin zu werden?

Ich wollte schon immer etwas mit Menschen machen und ich finde, in dem Job kann man sehr viel mit Menschen machen. Das Thema fand ich auch schon immer interessant und ich wollte Leuten helfen. Seitdem ich klein bin, habe ich viel Empathie entwickelt und ich weiß deshalb, wie sich Menschen in bestimmten Situationen fühlen. Ich kann mich da gut hineinversetzen, wenn es jemandem schlecht geht. Für mich ist es ein sehr cooler Job, weil ich nicht jeden Tag ins Büro gehe und mich an den Schreibtisch setze, sondern mit Menschen arbeite und für sie die Lebensretterin bin. Es gibt ja viele Leute, die mit Beschwerden zu uns kommen und den meisten Menschen kann ich dann helfen, dass sie schmerzfrei werden und keine Beschwerden mehr haben. Ich finde es wichtig, dass Ärztin sein nicht nur ein Beruf ist, sondern eine Berufung. Das Beste daran, dass ich Ärztin bin, ist der Moment, wenn ich nach Hause gehe mit dem Wissen, dass ich Menschen an dem Tag geholfen habe. Das ist ein sehr sehr gutes Gefühl. Es gibt natürlich auch schwierige Momente, wo Patient*innen leider versterben, aber das ist bei uns sehr selten der Fall. Dazu muss ich sagen, dass ich hauptsächlich im Kreißsaal arbeite und dort werden viele Babys geboren, deshalb ist bei uns das Thema Tod nicht so präsent wie auf anderen Stationen im Krankenhaus.

War das Medizinstudium anstrengend? Welche Tipps würdest Du angehenden Mediziner*innen mitgeben, um das Studium erfolgreich abzuschließen?

Ja, das Studium war sehr anstrengend. Das sollte dir bewusst sein, wenn du dich dafür entscheidest. Es ist kein Spaziergang und man braucht viel Ausdauer. Viele meiner Mitstudierenden haben aufgehört, da sie gemerkt haben, dass das Studium doch nicht zu ihnen passt. Wenn man das auf jeden Fall will und weiß, dass man mit Stress und vielen Klausuren pro Semester umgehen kann, dann sollte man auf jeden Fall Medizin studieren. Manchmal ist das Studium überfordernd und das ist auch menschlich, es ist ja auch ein sehr langes Studium, aber mich erfüllt mein Job total und ich wollte das unbedingt machen. Es ist natürlich nicht eins zu eins so, wie man sich das vielleicht als Kind vorstellt und es gibt im Studium auch vieles, was nicht so einfach ist, aber selbst ich hab das hinbekommen (lacht). Ich bin aus Polen nach Deutschland gekommen und hatte Schwierigkeiten, die Fachbegriffe zu erlernen, obwohl ich Deutsch konnte. Also an alle, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen: das Medizinstudium ist auf jeden Fall machbar! Als Tipp würde ich gerne mitgeben, dass schon während des Studiums eine gute „Work-Life Balance“ sehr wichtig ist. Auch wenn ich viel lernen musste und das Studium stressig war mit allen Pflichtveranstaltungen, habe ich mir immer Zeit für meine Freunde und Familie genommen. Man sitzt oft 1000 Stunden in der Bib (Bibliothek) und lernt nur, was sich negativ auf die eigene Lebensqualität auswirken kann. Aus dem Grund ist ein gesunder Ausgleich wichtig. Mir hat es immer sehr geholfen, an der frischen Luft zu lernen, wenn das Wetter draußen schön war. Ich hab mir dann meine Bücher geschnappt und bin ins Freibad. In Gruppen zu arbeiten war auch hilfreich, um sich beispielsweise in Vorbereitung auf mündliche Prüfungen oder Examina gegenseitig abzufragen.  

Was waren Deine ersten praktischen Erfahrungen? Wann hast Du Deine ersten Praktika gemacht?

Ich musste im Studium insgesamt 4 Monate lang Praktika im Krankenhaus und in der Praxis machen. In der vorklinischen Zeit, das heißt in den ersten zwei Jahren des Studiums, macht man ein Pflegepraktikum. Wir mussten dort alles machen, was die Pflege macht, um den Aufgabenbereich der Pflege kennenzulernen. Mein Praktikum war in Gießen auf einer chirurgischen Station. Das fand ich damals sehr spannend, weil ich die Arbeit aus der Perspektive der Pfleger*innen sehen konnte. Man sieht dort, wie hart der Job ist: es müssen zum Beispiel schon früh morgens die ganzen Patient*innen mit Medikamenten und Infusionen versorgt werden. Am Anfang war ich damit etwas überfordert, weil ich vorher keine praktischen Erfahrungen hatte. Ich habe beispielsweise kein FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) gemacht. Dort habe ich gelernt, dass die Arbeit der Pflege sehr geschätzt werden sollte und wie wichtig die Arbeit im Team ist. Die Ärzte und die Pflege müssen zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. Im klinischen Teil von meinem Studium war ich in der Gynäkologie. Ich habe dort auch mein Interesse für die Gynäkologie und die Geburtshilfe entwickelt, weil mich die Arbeit der Ärzt*innen dort sehr inspiriert hat. Für mich ist der Moment, wenn ein Kind auf die Welt kommt, etwas sehr Schönes. Das Patientenkollektiv, welches primär Frauen umfasst, und die netten Ärzt*innen dort haben das Praktikum für mich sehr schön gemacht. Das Praktikum hat mir definitiv etwas gebracht und ich habe viel gelernt, aber natürlich durfte ich nicht so viel machen, weil die Verantwortung liegt bei den Ärzt*innen. Richtig praktisch gelernt habe ich dann in meinem praktischen Jahr. Das ist am Ende des Studiums nach dem Examen und dort ist man wirklich ein Jahr lang fest im Krankenhaus. Ich habe alle wichtigen Sachen, wie Arztbriefe schreiben, Zugänge legen, Blutabnahmen und so weiter gelernt, denn in Deutschland legen meist Ärzt*innen Zugänge oder nehmen Blut ab. Dort kam ich auch das erste Mal wirklich mit Patient*innen in Berührung und habe Anamnesen aufgenommen, also nach Beschwerden gefragt.

Was gefällt Dir an Deiner Arbeit?

Ich bin tatsächlich eher durch Zufall auf die Gyn (Gynäkologie) gekommen, damals im praktischen Jahr und das Team war einfach super. Sie waren alle so nett und ich habe mich so gut aufgenommen und aufgehoben gefühlt. Ein Schlüsselerlebnis war mein erster Ultraschall, den ich von einem Baby machen durfte. Ich habe mir dann gedacht, dass ich das gerne öfter machen würde. Es gibt ja in der Gynäkologie auch verschiedene Bereiche, aber die Geburtshilfe hat mich sehr inspiriert und ich bin gerne im Kreißsaal. Ich finde diesen Moment einer Geburt sehr emotional und es ist jedes Mal etwas anderes. Der Job ist sehr abwechslungsreich und man hat nicht jeden Tag das gleiche, sondern es kommt immer ein anderer Notfall. Ich mag die Arbeit im Krankenhaus. Vielleicht gehe ich später auch einmal in eine Praxis, aber momentan finde ich die Arbeit im Krankenhaus besser. Ich sehe viel mehr Patient*innen und lerne jeden Tag etwas Neues dazu. Ich habe schon sehr viele verschiedene Notfälle gesehen, aber auch mit der Berufserfahrung kommt immer wieder etwas Neues. Das Operieren macht mir auch viel Spaß. Wenn jemand mit Beschwerden kommt und durch eine OP die Schmerzen erleichtert werden können, dann ist das ein gutes Gefühl. Es gibt irgendwie ganz viele Sachen, die ich an meinem Job mag (lacht). Ich habe einfach jeden Tag mit anderen Menschen zu tun und das passt zu mir, weil ich ein super aufgeschlossener Mensch bin und ich mag das voll gerne. Ich könnte nicht alleine im Büro sitzen und irgendetwas machen. Es gibt natürlich auch Schattenseiten und schlimme Situationen, in denen Kinder versterben. Das gehört auch dazu und man muss lernen, damit umzugehen. Die ganzen Arztbriefe zu schreiben ist auch viel Papierkram, aber ich glaube das mag jede/r Arzt/Ärztin nicht sonderlich. Doch ich habe in meinem Team immer Ansprechpartner*innen, wenn ich Schwierigkeiten habe. Wir sind echt ein gutes Team und das finde ich toll!

Man merkt, dass Du Dir den richtigen Beruf ausgesucht hast. Gibt es typische Aufgaben, wie Arztbriefe schreiben, die Du immer machst?

Ja, es gibt eine allgemeine Routine. Zu meinen Aufgabenbereichen gehört die Visite morgens, bei der ich nach den Patient*innen schaue, Arztbriefe schreiben, Notfälle anschauen, Patient*innen entlassen und aufnehmen, Zugänge legen und Blut abnehmen. Wir arbeiten auch konsiliarisch mit anderen Fachbereichen zusammen und schauen uns diese Notfälle an, damit geklärt wird, ob die Beschwerden eine gynäkologische Ursache haben könnten. Ich bereite auch Tumorkonferenzen vor und nehme an diesen teil. Von uns wird auch erwartet, dass wir uns fort- und weiterbilden. Einmal im Jahr haben wir ein Notfalltraining für Erwachsene und kleine Kinder. Außerdem betreue ich Geburten. Bei einer Entbindung im Krankenhaus ist es Pflicht, dass ein Arzt oder eine Ärztin dabei ist. Wenn im Kreißsaal ein Notfall ist, dann kümmern wir uns auch darum. Dann gehören OPs zu meinen typischen Aufgaben, also kleine Eingriffe, große Eingriffe und Kaiserschnitte. Dann gibt es noch kleinere Aufgaben: ich kümmere mich zum Beispiel um die Codierung von den OPs und mache Akten fertig. Es gibt viele organisatorische Aufgaben im Krankenhaus, wie die Dienstplanbesprechung, die jeden Monat gemacht werden muss. Das sind alles Aufgaben, die wir als Assistenzärzt*innen machen. Weitere Aufgaben sind Sprechstunden, die wir von Montag bis Freitag haben. Dort haben wir Schwangerensprechstunden oder präoperative Sprechstunden, wo die Patient*innen für die OPs vorbereitet werden. Also unterm Strich gibt es einiges an Aufgaben.

Was möchtest Du in Zukunft noch alles erreichen? Strebst Du Deinen Facharzt an etc.?

Genau, in der nahen Zukunft möchte ich gerne meinen Facharzt fertig machen und dann muss ich schauen, wo es hingeht. Ich kann mir vorstellen, im Krankenhaus zu bleiben und Oberärztin zu werden und ich kann mir auch vorstellen, in die Praxis zu gehen und dort weiterzuarbeiten. Ich habe früher immer gedacht, dass ich definitiv in die Praxis gehen werde, aber momentan bin ich mit der Arbeit im Krankenhaus sehr zufrieden. Ich habe hier immer jemanden, den ich fragen kann und in einer Praxis wäre ich selbstständig und müsste schon meine Patient*innen haben. Im Krankenhaus kann ich immer einen Oberarzt oder eine Oberärztin fragen, wenn ich mir unsicher bin, etwas nicht weiß oder ein Notfall kommt, den ich so vorher noch nie hatte.

Du arbeitest in Mittelhessen. Was gefällt Dir an der Region?

Ich habe ja in Gießen studiert und deswegen bin ich in der Gegend geblieben. Ja, ich bin nicht sonderlich weit gekommen (lacht). Ich kann nicht ausschließen, dass es mich nicht irgendwann in den Norden oder Süden zieht, aber momentan, auch aufgrund meiner privaten Situation, möchte ich hier bleiben. Ich lebe gerne in Mittelhessen, da ich hier Freund*innen gefunden habe und mein Bruder lebt auch hier. Ich finde auch, dass die Bezahlung als Ärztin und die Arbeitsbedingungen stimmen. Ich bin sehr zufrieden hier, Mittelhessen ist zu meiner Hood geworden!

Vielen Dank für das Interview, Sabina! Wir konnten tolle Einblicke in Deinen spannenden Beruf gewinnen und wünschen Dir alles Gute für Deine Zukunft.

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02.06.2021 Alle Blog Nach Oben