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„Ich finde es großartig, Menschen zu helfen und Leuten ihr Gehör wieder zu bringen“

„Ich finde es großartig, Menschen zu helfen und Leuten ihr Gehör wieder zu bringen“

Luisa Marie Triebert hat im Juni dieses Jahrs ihre Ausbildung zur Hörakustikerin bei Espig Hörgeräte erfolgreich abgeschlossen. Kurz zuvor wurde sie von der Handwerkskammer Wiesbaden als Lehrling des Monats ausgezeichnet. Wir haben mit ihr gesprochen und sie gefragt, was den spannenden Beruf der Hörakustikerin ausmacht und wie ein typischer Arbeitsalltag aussieht. 


Beschreibe Deine Ausbildung zur Hörakustikerin in drei Sätzen.


Meine Ausbildung ist vielseitig, abwechslungsreich und ich habe sehr viel mit Kunden zu tun. Die Berufsschule ist zum Blockunterricht in Lübeck. Mir macht die Ausbildung sehr viel Spaß, da sie auch technisch ist und ich Menschen mit meiner Arbeit helfen kann.


Waren das auch die Gründe, weshalb Du Dich für die Ausbildung entschieden hast? Wieso wolltest Du unbedingt diesen Ausbildungsberuf erlernen?


Es ist sehr vielseitig und ich habe viele Entwicklungsmöglichkeiten. Der Beruf bietet viele verschiedene Perspektiven, beispielsweise ist es auch möglich mit Kindern zu arbeiten oder sich im Bereich Gehörschutz oder Cochlea-Implantate weiterzubilden. Man steht in diesem Beruf nie still und dadurch, dass sich die technische Welt der Hörgeräte immer weiterentwickelt, muss man sich immer weiter informieren und am Ball bleiben. Es ist nie langweilig, da jede Stunde ein neuer Kunde oder eine Kundin kommt mit einer neuen Persönlichkeit, auf die man sich einstellen muss. Es ist wichtig, gegenüber anderen Menschen offen zu sein.

Quelle: Luisa Marie TriebertWarum würdest Du Deine Ausbildung weiterempfehlen? Was findest Du toll an Deiner Arbeit?


Ich finde es großartig, Menschen zu helfen und Leuten ihr Gehör wieder zu bringen. Manche wollen nicht unbedingt ein Hörgerät, aber andere sind davon abhängig und man merkt, dass man den Menschen ihre Freude wieder bringen kann. Auch die Angehörigen empfinden meist eine große Dankbarkeit. Es gibt manchmal sehr rührselige Momente, wenn die Angehörigen anfangen zu weinen, weil sie wieder besser miteinander reden können. Das sind schon schöne Erlebnisse, wenn die Person selbst dann beispielsweise die Enkelkinder wieder verstehen kann. Die Ausbildung ist abwechslungsreich, denn es gibt auch den handwerklichen Teil, zu dem beispielsweise das Fräsen gehört. Man sieht dort seine Arbeit und die Fortschritte, die man macht. Zum Abschluss der Ausbildung gibt es eine praktische Prüfung mit einem Fachgespräch und eine Fräsprüfung, bei der ein Ohrstück gefräst werden muss. Die Ausbildung umfasst einfach so viele verschiedene Bereiche. Wir hatten auch einen medizinischen Teil. Dort haben wir gelernt, wie das Ohr und das Hören aus der anatomischen Perspektive funktioniert. Wir haben gelernt, weshalb sich im Alter eine Schwerhörigkeit entwickeln kann. Mein Ziel war es immer, einen medizinischen Beruf zu erlernen und mich hat diese Ausbildung überzeugt, weil es ein Zwischending aus Medizin, Technik und Kontakt zu anderen Menschen ist. Es ist eine spannende Kombination, die man nicht überall findet.


Ja, zum einen hast Du den Kundenkontakt und zum anderen hast Du die technische Arbeit, bei der Du sehr fokussiert sein musst, denke ich. Das sind fast schon Gegensätze und das gehört alles zur Ausbildung dazu.


Ja, das stimmt. Oder auch, wenn ich gerade alles einstellen muss, dann arbeitet der Computer ja nicht von selbst. Ich muss alles überprüfen und wenn zwischendurch Fragen gestellt werden und alle ganz neugierig sind, dann muss man den Überblick behalten. Ältere Menschen sind manchmal auch einfach froh, dass sie mit jemandem reden können und dort muss ich auch das Gespräch so leiten, dass der rote Faden beibehalten wird. 


Was schätzt Du an Deinem derzeitigen Arbeitgeber? 


Ich schätze sehr, dass Herr Espig sehr offen ist. Man kann jederzeit mit Fragen oder Anliegen zu ihm kommen und er hat immer und jederzeit ein offenes Ohr. Er ist einfach für einen da und das weiß man auch. Ich bin mittlerweile ausgelernt. Ende Juni war meine Abschlussprüfung und meine Ausbildung habe ich in Gießen gemacht. Nach der Ausbildung bin ich hier nach Pohlheim gekommen. Das Gute ist, dass ich alle schon kannte, die hier arbeiten, da sich unsere Filialen übergreifen. Das Umfeld ist super familiär und ich könnte mir derzeit nicht vorstellen, wo anders zu arbeiten, weil meine Arbeitskolleg*innen zu Freund*innen wurden.


Wenn Du Dich an den Beginn Deiner Ausbildung zurückerinnerst: Was waren die ersten Tätigkeiten, die Du gemacht hast?


Ich habe primär Servicetermine durchgeführt, also Reinigung und Überprüfung des Hörgerätes. Das Spannende war, dass ich auch in die Hörgeräte reinhören musste, um festzustellen, ob dort alles in Ordnung ist. Es ist interessant, zu erfahren, wie das mit einem Gerät am Ohr ist. Ich habe auch die Räume auf Vordermann gebracht, also alle Vorräte aufgefüllt. Ich habe auch Kundentelefonate geführt und viele Werkstattarbeiten gemacht. Dort habe ich gelernt, wie ich mit der Fräse umgehe, Schläuche ausbohre oder Ohrstücke bearbeite. Ich konnte einiges ausprobieren und wurde immer gut an die Hand genommen. Servicetermine kann man nach einer gewissen Zeit alleine machen, aber bei Anpassungen oder Hörtests habe ich zugeschaut, da ich am Anfang natürlich noch nicht genau wusste, wie alles funktioniert und wie es bedient werden muss. Ich saß dann immer daneben und habe mir Notizen gemacht. Es ist auch interessant, zu sehen, wie jeder arbeitet, da ich nicht nur bei meiner Ausbilderin war, sondern auch bei allen Kolleg*innen. So konnte ich die verschiedenen Arbeitsweisen kennenlernen und mir bei jedem das Beste rauspicken 😊.


Quelle: Luisa Marie Triebert

Wie sieht jetzt ein typischer Arbeitsalltag bei Dir aus? Welche Aufgaben sind noch dazu gekommen? Wie läuft das so ab, wenn ein Kunde oder eine Kundin zu Dir kommt?


Mittlerweile mache ich die Anpassungen selbst. Ich mache Hörtests mit verschiedenen Hörmessungen. Außerdem otoskopiere ich am Kunden, also schaue ins Ohr, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung ist. Ich nehme auch Abformungen von den Ohren, damit daraus eine Maßanfertigung gemacht werden kann. Das lernt man auch schon während der Ausbildung, aber erst so im Laufe der Zeit. Das sind auch alles Bestandteile der Prüfung. Die Abformungen werden sowohl in der Zwischen- als auch in der Abschlussprüfung geprüft. Zu meinen täglichen Aufgaben gehört es auch, Kund*innen zu beraten und eine individuelle Nutzenanalyse zu erstellen. Es ist auch wichtig, sich mit den Hörgerätetechnologien auszukennen und zu wissen, wie das alles funktioniert und was die einzelnen Eigenschaften, die Features, der Hörgeräte machen. Dies ist wichtig, um auswählen zu können, was für welche/n Kund*in am besten ist. Es ist immer die Frage, was der/ die Kund*in braucht und was die Wünsche sind, auf die ich dann natürlich eingehe. Die Hörgeräte werden dann angepasst, aber es ist auch wichtig, diese Anpassung und was der Computer vorberechnet immer wieder zu überprüfen. Die Hörgeräte sind ja heutzutage schon wie kleine Computer. Sie können auch mit dem Smartphone gekoppelt werden und das Smartphone muss dann auch auf das Hörgerät eingestellt werden. In der Hinsicht ist der Beruf auch technisch versiert. Ich hätte früher nie gedacht, dass ich so etwas mache, weil ich in der Schule Physik nicht sonderlich mochte. Jetzt macht es mir aber sehr viel Spaß.


Ja, super. Wenn Dich das Thema interessiert, dann kannst Du Dich auch auf einmal mit physikalischen oder technischen Fragestellungen auseinandersetzen, weil es dazu gehört. Es wird alles digitaler und das lässt sich auch auf Hörgeräte übertragen und wahrscheinlich wird sich das ja immer weiterentwickeln. Ich denke, dass Du Dich da auch immer informieren musst. Es klingt auf jeden Fall spannend.


Ja, das ist es auch. Die Hersteller geben uns immer eine Prognose, was in Zukunft kommen wird. Das ist wirklich spannend, was da noch so kommt, aber wir hoffen, dass das irgendwann so wie bei der Brille wird, also dass wie der „Mut zur Brille“ es auch einen „Mut zum Hörgerät“ geben wird. Jeder möchte, dass das Hörgerät so klein und unauffällig wie möglich ist und es soll am besten in Haut- oder Haarfarbe sein. Wir schlagen immer rote, blaue oder grüne Hörgeräte vor, aber das möchten leider nur wenige. Niemand muss sich dafür schämen, ein Hörgerät zu tragen. Insbesondere im Alter gibt es einen gewissen Hörverlust, der sich entwickelt. Es ist im Endeffekt eine Hilfe, die es den Leuten ermöglicht, wieder besser zu hören und mit anderen zu kommunizieren.


Ich habe noch eine Frage zu Deiner Berufsschule und Deiner Prüfung. Was wurde dort genau gemacht?


Ich hatte dort ein Fachgespräch, bei dem ich ein Beratungsgespräch halten musste. Dort musste ich vorstellen, welche Hörgeräte es gibt und was ihre technischen Besonderheiten sind und dann musste ich auf einen Kundenfall bezogen beraten. In meinem Fall war mein Prüfer mein Kunde und ich hatte einen Anamnesebogen, zu dem ich das passende Hörgerät auswählen sollte. Zu dem Hörgerät wurden mir dann noch Fragen gestellt. Ich musste ein Programm für jedes Hörvermögen, jede Technologiestufe und jede Kostenstufe vorbereiten. Das musste dann auf den Kunden zugeschnitten werden und da musste ich mich mit den drei Herstellern, die es gibt, sehr gut auskennen. Das hat insgesamt 30 Minuten gedauert. Insgesamt habe ich fünf praktische Prüfungen abgelegt. Ich musste auch noch eine Hörmessung machen und hatte eine Fräsprüfung. Die Prüfung nennt sich mittlerweile „Dreidimensionale Abbilder“, weil wir zwar noch fräsen, aber bald wird es nur noch am PC modelliert. Die Abformung, die man am Kunden oder an der Kundin nimmt, wird mithilfe eines 3D Scanners eingescannt und dann kann am PC in einem 3D Modell das Ohrstück modelliert werden. Anhand der Anatomie der Ohrmuschel können die verschiedenen Formen daraus gemacht werden. Das wird dann im Labor am 3D Drucker gedruckt und dann kommt es zurück und wird weiterbearbeitet. In der Berufsschule wird irgendwann wahrscheinlich nur noch am PC modelliert. Eine weitere Prüfung war das Nehmen der Abformung. Außerdem hatte ich drei schriftliche Prüfungen am Ende des letzten Berufsschulblocks. Insgesamt gibt es acht Berufsschulblöcke a drei bis fünf Wochen. Die Berufsschule befindet sich in Lübeck und dort ist man mit Menschen aus ganz Deutschland zusammen in der Schule. Am Anfang hatte ich Respekt vor der Entfernung, aber später hat man sich auf die Abwechslung vom Arbeitsalltag gefreut. Auch das Internatsleben macht Spaß und ich habe in Lübeck Freunde fürs Leben gefunden. Ich bin traurig, dass die Zeit in der Schule vorbei ist.


Kommst Du aus der Region Mittelhessen? Und was gefällt Dir an der Region?


Ich komme aus Mittelhessen und wohne auch immer noch in meinem Geburtsort, auf dem Dorf. Das finde ich schön und ich mag das Dorfleben. Ich bin auch ein Vereinsmensch, also ich bin in verschiedenen Vereinen und bin bei uns im örtlichen Verein auch im Vorstand. Ich finde das Ländliche sehr schön und dass man auch schnell in die Stadt kann. Ich brauche jetzt nicht Stunden, um in die nächste Stadt zu kommen. Gießen ist knapp 30 Minuten von meinem Wohnort entfernt. Ich finde es toll, dass man alles nah hat, aber man auch in die Heimat zurückfährt und dort alles gewohnt und ländlich ist und dort Ruhe finden kann. Für mich ist das ein toller Rückzugsort.


Vielen Dank für das Interview, Luisa! Wir konnten viele spannende Eindrücke von Deiner Ausbildung gewinnen und wünschen Dir alles Gute für Deine Zukunft.



04.08.2021 Alle Bewerber-Blog Nach Oben