Gerechte Bildungschancen für alle!

05.12.2018

Im Interview mit Katja Urbatsch, Geschäftsführerin von Arbeiterkind.de. wird deutlich, dass der gesellschaftliche Trend, der durch die Medien verbreitet wird,nur teilweise der Wahrheit entspricht. Laut Urbatsch ist die Möglichkeit ein Studium zu beginnen, nicht für Jede/n einfach.

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Was macht ihre Organisation aus? Was gefällt Ihnen an ihrer Arbeit?

ArbeiterKind.de ist die größte gemeinnützige Organisation für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren. Unsere Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler und Studieninteressierte ohne Vorbilder in der eigenen Familie. Für diese Menschen ergeben sich viele Fragen und Unsicherheiten vor und während eines Studiums. Wir möchten dazu beitragen, dass jedes Kind mit geeigneter Qualifikation die Chance auf einen Bildungsaufstieg hat. ArbeiterKind.de unterstützt sie auf dem Weg zum Studienabschluss und Berufseinstieg. Die eigene Bildungsgeschichte erzählen und durch das persönliche Beispiel ermutigen – das ist das Erfolgsrezept von ArbeiterKind.de.

Wie viele Mitarbeiter sind bei Arbeiterkind.de tätig?

6.000 ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren – meist selbst Studierende der ersten Generation – engagieren sich bei ArbeiterKind.de in 75 lokalen Gruppen. Infoveranstaltungen in Schulen, offene Treffen, Sprechstunden, das Infotelefon, ein persönliches Mentoring Angebot, die Website und ein eigenes soziales Netzwerk bieten viele leicht zugängliche Anlaufstellen für Ratsuchende.

Was ist ihr persönlicher Antrieb für Arbeiterkind.de?

Ich bin selbst die erste aus meiner Familie, die einen Hochschulabschluss erreicht hat. Daher erfüllt es mich sehr, Mut zum Studium zu geben und Bildungsbiografien positiv zu beeinflussen. Es ist mir ein Herzensanliegen. Zudem macht es mir sehr viel Freude, gemeinsam mit anderen, etwas zu bewegen. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welchem Einsatz unsere vielen ehrenamtlich Engagierten unterstützen und ermutigen. Wie ich selbst, haben sie viele Schwierigkeiten auf ihrem Weg an und durch die Hochschule erlebt und gemeistert und zeigen große Bereitschaft, anderen nun auf ihrem Weg zu helfen und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Außerdem gefällt mir an meiner Arbeit, dass sie sehr abwechslungsreich ist: Ich sitze viel am Schreibtisch, bin aber auch viel unterwegs in ganz Deutschland und in Kontakt mit ganz vielen unterschiedlichen Menschen.

Welchen Herausforderungen und Problemen müssen Sie sich stellen?

Als Geschäftsführerin von ArbeiterKind.de ist mein Aufgabenbereich sehr vielfältig, denn das ist eine Management-Position. Daher ist meine größte Herausforderung, den großen Überblick über die Organisation und alle Aktivitäten zu behalten. Gemeinsam mit meinem Team schaue ich, wie wir die Ziele erreichen können, die wir uns vorgenommen haben und wo Probleme auftauchen, die gelöst werden müssen. Wir finanzieren unsere Arbeit durch Fördermittel und Spenden. Daher haben wir eine Reihe von Projekten eingeworben und da gilt es zudem sicher zu stellen, dass wir die Projekte erfolgreich umsetzen, die Gelder passend ausgeben und mit unseren Förderern in Kontakt sind. Diese Projekte haben zum Ziel, unseren Ehrenamtlichen optimale Bedingungen für ihr Engagement zu bieten. Daher tragen auch die Engagierten viele Fragen und Anliegen an uns heran, mit denen wir uns befassen.

Welcher Challenge müssen Sie sich in Bezug auf ihre Zielgruppe stellen?

Die Herausforderungen unserer Zielgruppe, der Studierenden der ersten Generation sind auch unsere Herausforderungen und wir beschäftigen uns damit, was es braucht, um es ihnen leichter zu machen. Denn der Weg an die Hochschule kostet viel Kraft, wenn man bei der Organisation auf sich allein gestellt ist. Ist man schließlich an einer Hochschule angekommen, gibt es neue Probleme. Oft steigen Gedanken auf, den Abschluss nicht zu schaffen, fehl am Platz zu sein oder sich im Hörsaal verloren zu fühlen. Dazu kommt die Angst vor der finanziellen Belastung. Diese Sorgen schlagen sich auch in den Studierendenzahlen nieder: Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung vom Mai 2018 beginnen statistisch gesehen von 100 Kindern aus Akademikerfamilien 79 ein Hochschulstudium. Aus Nicht-Akademikerfamilien gehen nur 27 von 100 Kindern studieren, obwohl deutlich mehr die Hochschulzugangsberechtigung erwerben. Wir versuchen, dem entgegenzuwirken und klären beispielsweise auch über Finanzierungsmöglichkeiten wie BAföG und Stipendien auf. Wir arbeiten dabei mit Kooperationspartnern zusammen, zum Beispiel den Studienberatungen an den Hochschulen oder den Servicestellen der Studentenwerke und der Arbeitsagentur.

Was für Geschichten haben Sie geprägt? Welche können Sie als Erfolgsgeschichte ansehen?

Ich war selbst die Erste in meiner Familie, die studiert hat und kenne die Hürden auf dem Weg durch die Hochschule aus eigener Erfahrung. Während meines Studiums bin ich selbst mit Ratsuchenden ins Gespräch gekommen und habe festgestellt, dass ich mit meiner Erfahrung weiterhelfen kann. Ich habe damals Informationen über Stipendien, das Bewerbungsverfahren, aber auch das Verfassen von Hausarbeiten oder Halten von Referaten in Workshops und Einführungsveranstaltungen weitergegeben. Das hat mich inspiriert, vor zehn Jahren ArbeiterKind.de zu gründen. Damals starteten wir als Internetportal, haben aber seitdem eine Entwicklung genommen, die ich damals nicht für möglich gehalten hätte. Eine große Welle bürgerschaftlichen Engagements wurde los getreten. Ich kenne viele Geschichten, Geschichten, die Mut machen und Bewunderung auslösen, aber auch traurige Geschichten. Die Lebensrealität in manchen Familien ist bedrückend. Umso schöner ist es, wenn ich sehe, dass wir über ArbeiterKind.de ganz konkret helfen und Lebenswege positiv mitgestalten können. 

Können Sie einen Trend unter den Schulabsolventinnen und -absolventen erkennen? Ausbildung oder Studium?

Es gibt einen Trend, der seit Jahrzehnten die Entscheidung Ausbildung oder Studium beeinflusst und das ist die soziale Herkunft. Wenn mindestens ein Elternteil studiert hat, nehmen junge Menschen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Studium auf; hat niemand aus der Familie studiert, tendiert man eher zu einer beruflichen Ausbildung. In den Medien und der Öffentlichkeit, wird es häufig so dargestellt, als würden alle nur noch studieren wollen. Aber diese Beobachtung kommt aus der akademischen Welt, das gilt aus meiner Beobachtung nicht für die Schülerinnen und Schüler aus nicht-akademischen Familien. 

Was ist ihr persönliches Anliegen von Arbeiterkind.de?

Ich möchte deutlich machen, dass es nicht das Ziel von Arbeiterkind.de ist, möglichst viele Menschen für ein Studium zu begeistern. Unser Ziel ist es, den Kindern aus nichtakademischen Familien die Möglichkeit des Studiums zu eröffnen. Wir wünschen uns gerechte Bildungschancen für alle, unabhängig vom Elternhaus. Die Wahlfreiheit sollte bei entsprechender Qualifikation gegeben sein, losgelöst von finanziellen oder soziokulturellen Voraussetzungen. Dafür setzen wir uns ein.





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