Fällt es Abiturienten schwer, Studienvoraussetzungen zu erfüllen?

08.01.2020

In Deutschland ist das Abitur die Voraussetzung für ein Studium. Für den Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-Andre Alt, ist das zu wenig. Er kritisiert große Wissenslücken und fehlendes Können bei vielen deutschen Abiturienten (Online-Artikel). „Wir leben in der Fiktion, dass mit dem Abitur die Voraussetzungen für das Studium erfüllt sind. Die Realität zeigt: Viel zu oft stimmt das nicht“, meint Herr Alt.

Wir haben ein Interview mit einer Expertin auf diesem Gebiet geführt:  Frau Prof. Dr. Katja Specht. Seit April 2016 hat sie das Amt der Vizepräsidentin an der Technischen Hochschule Mittelhessen inne. Ihre Zuständigkeiten an der Hochschule reichen von der Strategischen Hochschulentwicklung bis zum Studierenden- und Prüfungsservice. Wir haben Frau Specht zu ihren Beobachtungen bezüglich der Probleme, die Studienanfänger und -anfängerinnen haben, befragt. 

In dem Interview gibt Alt an, dass das Abitur nicht mehr ausreicht und gerade in Fächern wie Mathematik gravierende Mängel auftreten. Nehmen Sie diesen Trend ebenfalls wahr?

Die Studierfähigkeit ist auch an unserer Hochschule ein wichtiges Thema. Wir haben vor einigen Jahren die Studienverläufe von über 300 Studentinnen und Studenten untersucht, die an sechs Schulen der Region ihren Abschluss gemacht haben. Die Studie hat gezeigt, wo es Defizite gibt. Mathematik hat dabei eine große Rolle gespielt. Und wir wissen, dass Mathematikkenntnisse in fast allen Studiengängen wesentlich zum Studienerfolg beitragen.

Sind es bestimmte Defizite, die Ihnen auffallen? Defizite, die in der Schule (bei der Abitur-Vorbereitung) beachtet werden sollten?

Die Probleme liegen nach unserer Einschätzung nicht unbedingt in der Abiturvorbereitung, wir sehen vielmehr gravierende Mängel in der Mathematik der Mittelstufe. Diese zu beheben ist aber eigentlich keine Aufgabe der Hochschule. Trotzdem stehen wir mit den Schulen im Austausch, um die Übergangsproblematik gemeinsam zu bearbeiten.

Aus den Hochschulen kommt die Rückmeldung, dass die Studienanfänger*innen die Voraussetzungen schlechter als früher erfüllen. Würden Sie zustimmen? Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Was uns über die häufig zu geringen Mathematik-Kenntnisse hinaus große Schwierigkeiten macht, ist die zunehmende Vielfalt der Hochschulzugangsberechtigungen, die zu einer enorm gewachsenen Heterogenität der Studienanfängerinnen und -anfänger führt. Durchlässigkeit im Bildungssystem ist gut, das möchte ich betonen, aber die jungen Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zu uns. Daher müssen wir insbesondere im Studieneinstieg Möglichkeiten der Selbstreflexion und Selbsteinschätzung anbieten. Darauf aufbauend gilt es noch stärker differenzierte Studienangebote und -formate zu entwickeln, um den unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht zu werden und den Studierenden eine faire Chance zu geben.

Zudem stellen wir fest, dass vor dem Hintergrund der Heterogenität erhöhter Beratungsbedarf besteht. Um mit den genannten Herausforderungen umzugehen, brauchen wir jedoch ausreichend Geld, Personal und Räume.

Unabhängig von der Art des Hochschulzugangs vermissen wir bei unseren Studierenden häufig das Durchhaltevermögen, sich mit Themen intensiv auseinanderzusetzen. Wir wünschen uns eine gewisse Neugier, den Dingen wirklich auf den Grund gehen zu wollen.

Alt ist der Meinung, dass, gerade wenn es um längere Texte geht, diese nicht gelesen werden und eher nach dem Handy gegriffen wird. Die Studierenden lassen sich schnell ablenken. Sind sie derselben Meinung? Würden sie gerne eine handyfreie Zone bzw. Zeit an der Hochschule einführen, um dem Trend eventuell entgegen zu wirken?

Die Lesekompetenz ist tatsächlich problematisch. Auch – oder gerade! - im Zeitalter der Digitalisierung muss man richtig lesen können und Texte verstehen, auch längere Texte. Handyfreie Zonen brauchen wir nicht. Wir brauchen klar kommunizierte Regeln der Lehrenden, wie Handys in die Lehrveranstaltungen integriert sein sollen oder auch nicht, das sei jedem Lehrenden überlassen.

Es ist wichtig herauszustellen, dass wir als Hochschule die Chancen der Digitalisierung nutzen und unsere Lehre verändern werden. Daran arbeiten wir an vielen Stellen der Hochschule mit großem Einsatz. Als Beispiel dazu sei der „Tag des digital gestützten Lehrens und Lernens“ genannt, den vor Kurzem über 100 interessierte Hochschulmitglieder besuchten. Dort wurden zahlreiche Formate und Ansätze zur digitalen Anreicherung der Lehre vorgestellt, um Impulse zur Weiterentwicklung der Lehre an der THM zu geben. Handys spielen dabei häufig eine wichtige Rolle.

Was würden Sie sich seitens der Schülerinnen und Schüler wünschen?

Wir wünschen uns neugierige junge Menschen, die Lust auf Bildung haben und sich Ziele setzen. Dazu gehört auch, dass sie mehr als heute darüber nachdenken, warum sie sich für welchen Studiengang entscheiden. Die Identifikation mit dem Fach und der Hochschule ist ein wichtiger Studienerfolgsfaktor.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Prof. Dr. Katja Specht für das informative Interview, welches uns dieses Thema auch im Bezug auf unsere Region verständlicher gemacht hat. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen ausführlich zu beantworten.

 





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