Den Wandel der Mobilität mitgestalten

29.05.2019

Beim Motorrad-Ausstatter SW-MOTECH in Rauschenberg spielt Dynamik nicht nur bei den Produkten eine Rolle – „Digitalisierung verändert fundamental das Kundenverhältnis“: Die Geschichte eines mittelhessischen Arbeitgebers mit spannender Entwicklung.

Eigentlich hätte das Elternhaus Jörg Diehl gerne als Mitarbeiter eines soliden Bankhauses gesehen. Ein Beruf, bei dem es in der Regel gilt, Risiken zu vermeiden. Umso außergewöhnlicher, dass es ausgerechnet Diehls nicht unriskantes Hobby als Motorradfahrer war, das für den Anfang eines ganz anderen Karriere-Weg stand. Heute ist Jörg Diehl Gründer und Geschäftsführer der SW-MOTECH GmbH & Co. KG in Rauschenberg, eines mittelständischen Unternehmens mit rund 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das sich auf Zubehör für Motorräder spezialisiert hat. Die Idee zur Gründung hat seinen Ursprung in Diehls anspruchsvollen Krad-Touren durch Nordafrika. Für SW-MOTECH und seine Mitarbeiter bedeutet diese Gründungsstory nicht zuletzt eines: Dynamik ist Teil des Konzepts und ein wesentlicher Grund, für den Betrieb im Kreis Marburg-Biedenkopf zu arbeiten.

Aus der Idee, die Freizeitbeschäftigung zum Beruf zu machen, hat sich eine Mission und eine Vision entwickelt: „Wir wollen den Wandel der Mobilität aktiv mitgestalten“, sagt Diehl. Dabei ist man nicht ausschließlich auf Verbrenner-getriebene Zweiräder fixiert; auch bei E-Bikes möchte das Unternehmen künftig eine Rolle spielen, auch wenn sich dieser Bereich „noch in der Sondierungsphase“ befindet, wie der Geschäftsführer formuliert. Die ursprüngliche Motivation, die Diehl mit seinen Mitgründern Kai Jockel und Jürgen Swora teilt, ist die Leidenschaft für das Motorrad. Zu dritt haben sie die nordafrikanische Wüste befahren und dabei ihre Maschinen mit exotischem Zubehör Marke Eigenbau erweitert. Dann sahen sie den Bedarf bei anderen Fahrern und begannen, für einen exklusivem Kundenkreis beispielsweise „aus Waschmaschinenblech Heck-Tanks“ zu bauen – zunächst, um die eigene Urlaubskasse aufzubessern.

Für Diehl kam der „Aha-Moment“, als er feststellte, wie viel Spaß es brachte, „selbst etwas zu machen, etwas bewirken zu können“ und die Zufriedenheit der Kunden zu sehen. Der Zuspruch eines Professors gab schließlich dem gelernten Bankkaufmann und studierten BWLer den entscheidenden Impuls: „Er sagte, ich soll mich noch während des Studiums selbstständig machen; später würde mir die Zeit dafür fehlen. „Das war prägend für mich“, fügt er hinzu. Aus dem anfänglichen „Bauchgefühl“ erwuchs so eine unternehmerische Laufbahn, deren wichtigste Bausteine laut Diehl „Ehrgeiz, Glück und Wagnis“ waren. „Bestimmte Stellschrauben müssen passen, andere macht man sich passend.“ Schließlich sei SW-MOTECH nicht das erste Unternehmen auf dem Markt gewesen. „Auf uns wartete niemand.“ Heute bietet der Betrieb Geschäfts- aber auch immer mehr Endkunden rund 3000 Produkte an – überwiegend auf Grundlage eigener Entwicklungen.

Welche Bedeutung dabei die Innovations-Kraft der Mitarbeiter hat, zeigte sich bereits früh in der Unternehmensgeschichte, bei einer Produkt-Entwicklung, die mittlerweile vielleicht sogar bekannter als das Unternehmen selbst sei, wie Diehl sagt: einem Tank-Ring. Dieser Bestandteil des Benzintanks sei schon immer gerne auch als Befestigungsmöglichkeit für Zusatzteile genutzt worden, erzählt der 49-Jährige. Allerdings war bei den Lösungen, die er mit seinen Freunden bei anderen Krad-Fahrern beobachten konnte, die „Idee zwar gut, aber die Anwendung sehr schlecht“. Nachdem sich die Gründer nachmittags in einem Café ausgiebig und mit Spaß der Entwicklung einer besseren Idee gewidmet hatten, kam der zündende Funke für eine bessere Variante schließlich bei einem „Feierabend-Bierchen in der Werkstatt“ von Diehls damaligem „Mitarbeiter Nr. 1“. Nur „durch die Gemeinschaft“ sei diese Entwicklung letztlich gelungen, ist Diehl überzeugt.

Aktuelle Herausforderungen beruhen eher auf Bits und Byte und statt auf Blech und Schrauben: „Die Digitalisierung verändert fundamental unser Kundenverhältnis.“ Vor diesem Hintergrund spielt Pascal Blaschke für SW-MOTECH eine besondere Bedeutung. Blaschke ist Informatikkaufmann und absolviert zusätzlich ein Duales Studium der Betriebswirtschaft. Und er ist ein „Mischmensch“, wie Diehl Personen nennt, die alt genug sind, um analoge Technologien und Lebensweisen noch zu kennen, aber jung genug, um digitale Techniken und Prozesse verinnerlichen zu können. „Wir haben ‚digitale‘ und ‚analoge‘ Kunden, aber auch Mitarbeiter“, sagt der Geschäftsführer. Blaschke sei derjenige, der die Diskrepanz zwischen beiden Gruppen überwinden und Verständnis für beide Seiten aufbringen könne.

Es ist naheliegend, dass Pascal Blaschke daher bei SW-MOTECH die Abteilung E-Commerce mit aufgebaut hat. In den Betrieb kam der 27-Jährige vor über zehn Jahre als Auszubildender, damals zählte das Unternehmen gerade erst rund 40 Mitarbeiter. Nach drei Jahren betreute er das Artikel- und Stammdaten-Management. Er sei damals in einer sehr agilen Phase zu dem Motorrad-Ausstatter gestoßen. „Es gab sehr viele Artikel-, Modell- und Produkt-Daten, täglich kamen neue Infos rein.“ Seitdem ist das Unternehmen gewachsen – an Personal und auch an Bedeutung. „Ich hatte damals keine Vorstellung, wie sich das noch entwickeln wird.“ Seine Bewerbung sei damals eher eine „Bauchentscheidung“ gewesen; Leidenschaft für das Produkt habe noch keine Rolle gespielt. Die Ausbildung war zudem ursprünglich als Industriekaufmann ausgeschrieben. Spontan habe man ihm dann den Ausbildungsplatz als Informatikkaufmann angeboten, auch weil er sein Fachabitur in Wirtschaftsinformatik gemacht hatte. „Darüber bin ich im Nachhinein ganz froh.“

Das hat auch Gründe: „Es gibt nichts besseres, als IT-gestützt arbeiten zu können“, sagt Blaschke heute. Mittlerweile betreut er seit zwei Jahren den Vertrieb im Innendienst. Die Zugriffsmöglichkeit auf Daten unterstütze zum Beispiel die Preisgestaltung oder verbessere die Entscheidungsgrundlage bei anstehenden Projekten. „Daten sind das Elexier“, sagt auch Blaschkes Chef. „Mit Daten können wir Informationen generiere und Prozesse optimieren, wie wir es vorher nicht konnten“, sagt Diehl – beispielsweise auch bei neuen Services, wie der Möglichkeit für Endkunden, Motorrad-Sitzbänke individuell anzupassen. Ein sehr emotionales Produkt sei das, aber auch ein Experiment: „Wird uns mit einem Konfigurator die Standardisierung individueller Dinge bei funktionierendem Absatz gelingen“, stellt sich der SW-MOTECH-Gründer die entscheidende Frage.

Blaschkes Job ist es dabei vor allem auch, den Überblick zu behalten. In erster Linie sei er Kaufmann, aber der Informatik-Hintergrund helfe, „zu wissen, was die Auswirkungen sind, an welcher Ecke es klemmen könnte, und welche Möglichkeiten es gibt.“ Dabei spielt auch das Duale Studium an der ADG Business School in Montabaur, das er in diesem Jahr mit dem Bachelor abschließt, eine Rolle: Die Betriebswirtschaftslehre helfe, ein Verständnis für verschiedene Bereiche und Abteilungen und allgemeinhin „eine größere Denke zu haben.“ Dabei gehört auch die Teamführung: Interne Steuerung sei „sehr wichtig“ – „was machen die Azubis, wie sind die Mitarbeiter beschäftigt; was liegt wirklich an und wo befinden wir uns im Tagesgeschäft, auch saisonal bedingt.“

Für das Studium neben der Arbeit hat Blaschke Opfer bringen müssen. „Der Urlaub ging komplett für die Uni drauf.“ Die Auszeit sei in der Prüfungszeit einfach nötig gewesen; mit Projekten von der Arbeit im Kopf habe er nicht gut lernen können. „Im Semester hat das aber geklappt.“ Es sei „prima, wie der Arbeitgeber mich unterstützt hat.“ Das beruhe auf Gegenseitigkeit: Es werde erwartet, dass Aufgaben erledigt und Termine eingehalten werden, dass man seine Arbeit gut macht. „Man erfährt dann aber auch das Gleiche für sich selbst; dann sind auch private Termine und Freizeit möglich.“ Mache man seine Arbeit gut, bekomme man auch etwas zurück.

Eine Win-Win-Situation auch für Diehl: Für ihn ist Personal die „Basis für alles, was wir nachhaltig als Unternehmenswert schaffen“. Die Unternehmensführung habe daher zwei strategische Personal-Ziele für die kommenden Jahre formuliert: „Zum einen wollen wir verantwortungsbewusste Mitarbeiter binden, zum anderen die Mitarbeiter-Kompetenzen erhöhen.“ Das sei die wesentliche Basis, „um Zufriedenheit zu stiften“, aber auch, um das Firmen-Image weiter zu verbessern. Und um neue Mitarbeiter auszubilden und zu rekrutieren. „Unser Ziel muss es sein, dass der nächste Pascal uns besser findet und von vornherein Lust hat, in der Firma zu arbeiten“ – und gerne an einer Firmen-Geschichte teilhaben möchte, die sich in Zukunft ebenso spannend entwickeln könnte, wie sie einmal begonnen hat.

(Alle Fotos: Tilman Lochmüller)





Alle Blog-Einträge