Ausbildung in Corona-Zeiten - Interview mit dem Ausbildungsexperten der IHK Lahn-Dill

28.07.2020

Die Corona-Krise stellt ausbildende Betriebe und die Azubis vor große Herausforderungen: wochenlange Schließung der Berufsschulen, verschobene Prüfungen, teilweise Kurzarbeit in den Betrieben. Für die IHK Lahn-Dill mit 3500 Auszubildenden und 800 aktiven ausbildenden Betrieben hat das Thema Ausbildung nicht nur in Coronazeiten großen Stellenwert.

Im Interview erklärt der Ausbildungsexperte der IHK Lahn-Dill, Dr. Gerd Hackenberg, warum er die Ausbildungssituation in der Region Lahn-Dill derzeit weiterhin als gut, langfristig sogar als sehr gut einschätzt. Dr. Gerd Hackenberg ist Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung bei der IHK Lahn-Dill. Seit 2004 betreut er mit seinem Team Auszubildende und aktive ausbildende Betriebe im Kammerbezirk an Lahn und Dill zwischen Biedenkopf, Haiger, Dillenburg, Wetzlar und Wettenberg.   

Herr Dr. Hackenberg, die Corona-Krise betrifft auch die duale Ausbildung. Wie hat sich die Ausbildungssituation im Bezirk der IHK Lahn-Dill verändert?



Dr. Gerd Hackenberg: Wir hatten eine stabile Ausbildungssituation vor der Krise, dann kamen extreme Veränderungen, zum Beispiel die Verschiebung der Prüfungstermine, die wochenlange Schließung der Berufsschulen, teilweise Kurzarbeit in den Betrieben. Das hat die Azubis, die Betriebe und auch uns vor große Herausforderungen gestellt. So etwas gab es noch nie. Das hat natürlich auch Unsicherheiten bei Eltern und Schulabgängern ausgelöst.


Wie sieht es konkret in den ausbildenden Firmen aus? Viele Betriebe haben Kurzarbeit angemeldet, einige mussten Mitarbeiter entlassen oder gar Insolvenz anmelden. Ist unter diesen Bedingungen eine ordentliche Ausbildung überhaupt noch gewährleistet?


Dr. Hackenberg: In unserem Kammerbezirk sind uns glücklicherweise bisher nur vereinzelt Fälle bekannt, in denen der Ausbildungsplatz durch Corona gefährdet oder gar verloren gegangen ist. In den meisten ausbildenden Betrieben läuft die Ausbildung weiter - wenn auch teilweise unter besonderen Bedingungen durch die Corona-Krise. Aber natürlich, auch bei uns gibt es Fälle, in denen aufgrund des Shutdowns kaum eine normale Ausbildung möglich war. Da sind wir als Kammer besonders gefordert. Wir sind dann erster Ansprechpartner für die Auszubildenden und die Betriebe. Im Moment arbeiten wir als IHK mit Hochdruck daran, Lösungen zu organisieren, um Azubis, die ihren Ausbildungsplatz verloren haben, schnell eine Alternative anbieten zu können.


Wie unterstützen Sie konkret die Auszubildenden bei der Suche nach einer (neuen) Stelle?


Dr. Hackenberg: Um mehr Schwung in die Berufsorientierung zu bringen, hat sich die IHK Lahn-Dill ein ganz neues Format ausgedacht: Am 24. Juni 2020 gehen wir mit unserer ersten virtuellen Ausbildungsmesse an den Start. Wie auf der realen Messe auch, können sich Jugendliche hier über Ausbildungsberufe und Berufsbilder informieren und erste Kontakte zu IHK-Ausbildungsbetrieben knüpfen – nur online. Vom Praktikum über den Ausbildungsplatz bis hin zum dualen Studium ist alles dabei. Das innovative Angebot eröffnet jungen Menschen auf unserer Plattform www.ausbildung-lahndill.de unter anderem die Möglichkeit, Fragen an die Betriebe vor Ort zu stellen und per Video Ausbilder und Azubis kennenzulernen.


Über unsere Online-Plattformen www.ausbildung-lahndill.de sowie www.lehrstellenboerse.de können sich die Azubis und ihre Eltern darüber hinaus jederzeit direkt an uns wenden. Außerdem bieten wir eine Hotline an, bei der sich Schüler, Eltern, Lehrer und Betriebe zum Thema Berufsorientierung beraten lassen können. Unter der Nummer 06461-9595-1490 stehen IHK-Experten Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr ab sofort Rede und Antwort. Unser Ziel ist es, möglichst allen Schulabgängern, die eine Ausbildung in einem IHK-Beruf suchen, ein Angebot zu unterbreiten. Allerdings erfordern die aktuellen Bedingungen auch ein Mindestmaß an Flexibilität seitens der Bewerber, die sich gegebenenfalls auf weitere Wege oder einen anderen Beruf einlassen müssen.


Wie ist es derzeit um die Ausbildungsbereitschaft in den Unternehmen bestellt? Sind die Betriebe eher zurückhaltend?


Dr. Hackenberg: Teil, teils. Es kommt ganz auf die einzelne Situation des Betriebes an. Wir haben aber derzeit ein Überangebot von 130 freien Ausbildungsstellen auf unseren Onlineplattformen. Die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich sogar noch darüber. Denn erfahrungsgemäß melden nicht alle Unternehmen freie Ausbildungsplatzangebote an die Arbeitsagenturen oder an uns.


130 offene Ausbildungsstellen im Kammerbezirk – fast genauso viele Ausbildungsverträge sind zum Stichtag 31. Mai 2020 weniger abgeschlossen worden als zum vergleichbaren Zeitpunkt 2019. Woher kommt die Zurückhaltung?


Dr. Hackenberg: Die jungen Menschen und ihre Eltern sind durch die Corona-Krise verständlicherweise sehr verunsichert. Sie fragen sich, ob das ausbildende Unternehmen gut durch die Krise kommt und der angebotene Ausbildungsplatz auch sicher ist. Viele warten deshalb ab. Doch das müssen sie nicht. Im Gegenteil: Wir schätzen die Ausbildungssituation als weiterhin gut und konstant ein, mittel- und langfristig sogar als sehr gut. 


Was raten Sie den Schulabgängern jetzt?


Dr. Hackenberg: Wer jetzt nicht zugreift, verliert mindestens ein Jahr. Abiturienten wie auch Schülerinnen und Schüler aus Fachoberschulen sowie Haupt- und Realschulen, die mittlerweile alle ihre schriftlichen Prüfungen abgelegt haben, sind daher aufgefordert, ihre Zurückhaltung aufzugeben und ihre Bewerbungsunterlagen einzureichen. Unsere Unternehmen wollen nach wie vor ausbilden und setzen auf die langfristige Entwicklung ihres Nachwuchses. Denn Fachkräfte sind in unserer Region auch weiterhin gefragt. Während und nach der Corona-Krise – auch wenn im Moment vielleicht bei der Suche etwas mehr Geduld und Flexibilität beim Berufswunsch notwendig ist.





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